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Posts Tagged ‘Medizin’

Die Schweizer und ihr Land muss man einfach mögen. Neulich gab es eine besondere Interpunktion, als ich einen chirurgischen Kollegen am Telefon hatte. Es ging um einen Patienten mit einer akuten GIT-Blutung (warum ich neben dem Gastroenterologen auch den Chirurgen anrufen musste ist eine andere Geschichte). Er fragte zusammenhangslos dahin, wie man das eben mit Notfallassistenten so macht (vielleicht habe ich ja die Sozialanamnese vergessen). Nachdem wir uns mehrmals über die Vitalzeichen (stabil) und die Wünsche des Patienten unterhalten hatten, fragte er ob der Patient denn schockiert sei … ich muss gestehen ich habe mich zunächst über den Smalltalk gewundert und ca. 3 Minuten mit ihm weiter parliert, bis ich gemerkt habe was er meint. Zu meiner Entlastung muss gesagt werden, dass ich ihm zuvor mehrmals über die stabilen Vitazeichen einsch. Puls und Blutdruck berichtet hatte.

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In Zeiten, in denen Broschüren wie das „Ärztehasserbuch“ Konjunktur haben und Menschen mit Halsschmerzen während der Grippesaison tatsächlich auf dem Notfall vorstellig werden, fragt man sich, wofür unsere Medizin eigentlich taugt, wem sie nützt und was sie kann.

Neue Scholastik? 

Nach fast sieben Jahren täglichen Doktorspielen beginnt man sich zu fragen, ob die moderne Medizin nicht masslos überschätzt wird, von beiden Seiten, von Doktor wie Patient. Für die historisch Interessierten: Manches erinnert an die Scholastik. Das Grundübel scheint der Anspruch zu sein, für alles eine Lösung haben zu wollen. Krankheit und Tod sind schliesslich Bestandteile des Lebens, daran kann auch der Doktor nichts ändern. Wenn ich aber wegen Bauchschmerzen zum Arzt gehe, erwarte ich, dass er jedes Lebensrisiko ausschliesst. Dass er mir garantiert, dass kein Schlumpf in meinen Därmen sitzt und an ihnen nagt, dass da kein Tumor ist, kein Darmverschluss, kein faulender Appendix. Das Problem ist nur, ohne kräftig Strahlung mittels entsprechender radiologischer Technik bei jedem quersitzenden Furz kann er das gar nicht – und selbst dann bleibt ein Restrisiko. Das beste was er kann, ist eine stufenweise Abschätzung der Wahrscheinlichkeit der differentialdiagnostischen Möglichkeiten, was dann zu weiterer Diagnostik führt oder eben nicht.

Das Lebensrisiko bleibt

Rein statistisch entstehen dabei Risiken und es werden Dinge übersehen. Nicht weil der Doktor schlampig ist, sondern weil das im Leben immer so ist. Niemand kann ausschliessen, dass ihm in Kurven der Gegenverkehr entgegen kommt, der Urlaubsflieger abstürzt oder ein Meteorit auf den Kopf fällt. Nur der Doktor, der soll garantieren, dass man keinen Tumor hat, wenn die schlechten Ernährungsgewohnheiten oder die Germanysnexttopmodelanorexie die Gedärme wimmern lassen.

Therapeutische Euphemismen

Letztlich sind wir mit schuld, dass das so ist. EBM hin oder her, die Lehrmeinung tut nach wie vor so, als müsste man nach jeder grösseren Studie wieder der neuen Sau, die durchs Dorf getrieben wird, hinterher rennen, um den Patienten eine gute Medizin zu bieten. Wie sehr wie uns dabei verzetteln zeigt sich immer dann, wenn Jahre später, meist auf Umwegen, Negativstudien zu wichtigen Themen veröffentlicht werden. Die Rolle der Pharmfirmen ist dabei ein eigenes Thema.

Europäischer Schamanismus

Vielleicht wäre es hilfreich, zu überlegen, was die Medizin, so wie wir sie kennen, nachweislich leisten kann: Notfall- und Akutsituationen können wir recht gut behandeln, überlegte Antibiotikatherapie funktioniert auch ganz gut, ebenso wie Analgesie bei akuten Schmerzen. Der Rest ist mit Verlaub die europäische Form des Schamanismus.
Damit will ich nicht sagen, dass wir auf den Schamanismus verzichten können, schliesslich ist jede Form der Symptomlinderung eine ethische Pflicht, egal wie sie zustande kommt. Aber wir sollten kritischer mit unserem (Nicht)Wissen in diesen Bereichen umgehen. Beispiele? Gern: Antibiotika bei saisonalen Bronchitiden, Sortis bei jeder Fettstoffwechselstörung, ACC bei Bronchitis, Antidepressiva bei leichten und mittelschweren Depressionen, sogenannte „atypische“ Neuroleptika bei Schizophrenie, Östrogene in der Menopause, Mammographiescreening, Colon-Ca-Screening, Antibiotikatherapie bei HWI bei Katheterträgern usw. usf.

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