Angeblich findet in westlichen Demokratien ja keine Zensur statt und so. Ein Fall, der auch in der Schweiz diskutiert wurde und auf den mich strappato wieder aufmerksam gemacht hat, zeigt, dass das ein Märchen ist.
Der Artikel in der Süddeutschen (s. Link) fasst die ganze Geschichte gut zusammen. Erschreckend ist, dass es nicht nur eine Fachzeitschrift war, die einfach so einen Artikel auf Druck von Anzeigenkunden aus dem Heft kippt, sondern gleich zwei.
Es ist ein Skandal, der uns alle in der Praxis anspornen sollte, kritisch mit Arzneimittelverordnungen umzugehen. Vor allem wirft er aber ein merkwürdiges Licht auf den Thieme-Verlag, aus dem ja viele unserer pseudowissenschaftlichen Comichefte kommen, gegen teure Bezahlung versteht sich.
Eine zensurfreie Gesellschaft ist eine Utopie. Aber sie ist eine Utopie, an die meiner Meinung nach angenähert werden soll.
Warum ist es eine Utopie? Nachfolgend schreibe ich einige – zugegebenermassen extreme – Beispiele, über die sich aber viele ähnliche und weniger extreme Beispiele ableiten lassen.
- Nationalsozialismus: Gewisse Emblems in diesem Zusammenhang sind in Deutschland verboten. Nicht, dass man mich missversteht: ich verabscheue den Nationalsozialismus, aber trotzdem ist das eine Form der Zensur.
- Tabubrüche: Künstler beweisen immer wieder, dass mit Tabus, die erst gebrochen werden müssen, erst durch den Bruch Hürden der Selbstzensur überwunden wurden.
- Gesellschaftliche Zwänge wie Kleidung: Man kann auch hier die Auffassung vertreten, dass die Kleidung gewisse Bereiche zensieren. Meine Meinung: ob das gut oder schlecht ist, darüber kann man sich je nach Standpunkt streiten… ein Klassiker ist da das Beispiel von Frauen, die mit „oben ohne“ immer wieder Gemüter erregen, selbst in Mitteleuropa. Ich persönlich habe mich schon immer gefragt, warum Frauen das nicht dürfen sollten. Oder umgekehrt als Mann habe ich mich auch schon gefragt, warum WIR da nichts tragen müssen. Naja, ich schweife ab…
Meiner Meinung nach muss man gesellschaftliche Zwänge und Zensur schon unterscheiden. Das eine hat mit sozialen Normen zu tun, das andere wird von diesen zwar tangiert, ist aber ein bewusster und repressiver Eingriff in das Recht der freien Meinungsäusserung.
Das ganze ist natürlich ein „weites Feld“, aber was die Medizin betrifft, ist es unser Job uns der Beeinflussung durch falsche Interessen zu erwehren. Nicht nur, dass da Ressourcen der Allgemeinheit verbraten werden (vgl. Jahresumsatz Sortis), durch monetäre Interessen werden letztlich vorsätzlich Patienten geschädigt. Und zu guterletzt macht es den Kollegen, die noch ihren gesunden Menschenverstand einsetzen, das Leben schwer, weil dieser Mist dann unwidersprochen in all den Schlaumeierleitlinien steht.
Ja, die Geschichte hat vor zwei Jahren mächtig Staub aufgewirbelt… das Problem ist, dass man jetzt gar nicht mehr weiss, wem man trauen darf… also auch Evidence Based Medicine ist gar nicht mehr so evidence based, da man den publification bias nicht abschätzen kann….