Ein hoher Anspruch ist die Forderung nach stetiger Weiterbildung und lebenslangem Lernen. Find ich gut. Neugierig war ich schon immer und die Medizin besteht ja mehr aus Fragen als aus Antworten. Es müsste mir also leicht fallen, mich stetig weiterzubilden. Dachte ich.
Das Problem liegt im Detail. Bücher gibts inzwischen zu jedem Orchideenthema, eines bunter als das andere. Aber viele dieser Bände sind eigentlich schon veraltet, wenn sie erscheinen bzw. werden es bald danach sein (die Halbwertszeit medizinischer Informationen beträgt angeblich ca. 2.5 Jahre – wer misst das eigentlich wie?). Also greift man zu Fachblättern, davon gibts ja inzwischen auch für jeden Geschmack das passende. Bloss, wenn ich wirklich meine Neugier befriedigen wollte, wäre ich arm. Medizinische Fachzeitschriften sind dermassen teuer, dass auch bei problemorientierter Auswahl ein Assistentengehalt dafür leider nicht reicht. Da fragt man sich, warum das so sein muss. Das meiste, was da drin steht bezieht sich auf Studien, die mit öffentlichen Geldern oder Ressourcen der Industrie (inzwischen wohl häufiger) finanziert wurde. Dafür habe ich schon mit Steuern und den Medikamentenpreisen gelöhnt. Warum muss ich dafür nochmal bezahlen?
Einfacher wäre es, man stellt die Blättchen ins Internet, dann hat man kaum Produktionskosten und aktueller wären sie auch. Mich wundert besonders, dass die internationalen Top-Journals das nicht machen – ich meine kostenlos. Schliesslich ist die publizierte Information ein öffentliches Gut, auf das jeder Zugriff haben sollte.
Bis dahin ist es vermutlich meine naive Sicht der Dinge. Ans Unseriöse grenzt aber dieses unsägliche Webegeschmiere. Wie soll ich bitte, ein Fachjournal ernst nehmen, wenn jede dritte Seite Werbung von Pharmafirmen ist? In Zeiten, in denen die meisten Studien zu neuen Medikamenten von eben diesen Firmen finanziert sind, wäre es doch wichtig, dass in den Journals gerade diese Studien und die damit verbundenen Therapieregimes kritisch diskutiert werden. Es widerspricht aber jeder Lebenserfahrung, dass eine Zeitschrift unabhängig ist, wenn jede dritte Seite aus Werbung derer besteht, die kritisiert werden sollen. Was bleibt ist der begründete Verdacht, dass die eine odere andere anerkannte Therapie sich auf dem miefigen Nährboden solcher Strukturen zu unrecht etablieren konnte.
Inzwischen lese ich (aus Notwehr) die offiziellen Organe der verschiedenen Fachgesellschaften nur noch selten. Meine theoretische Weiterbildung hat dadurch einen gewissen Nihilismus bekommen, besteht sie doch überwiegend aus dem Studium des Arznei Telegramms. Leider erscheint es nicht so häufig, wie es meine Neugier erwartet, aber es ist frei von Werbung und die Autoren haben eine erfrischende Skepsis.
Ja, das ist das Dilemma. Man weiß als lesender Arzt bald nicht mehr, wem man glauben soll. Die neue Scheinheiligkeit ist, dass die Autorenrichtlinien sagen, dass die Autoren angeben sollen, wann sie von wem Geld bekamen und für wen sie Vorträge halten. Naja, ich bezweifle, dass da alle ehrlich sind. Und 3 Seiten später steht wirklich das neue grad so gelobte Medikament SuperXY drin und leuchtet einen an. Das mit dem kostenlos online… guter Gedanke. Aber aus Sicht der Verlage gesprochen: Wozu? Man kann doch damit so wunderbar Geld verdienen. Die einen schreiben für umsonst, die anderen bezahlen teuer Geld für Werbung und die Leser dafür, dass sie das NEJM auf dem Schreibtisch liegen haben dürfen, damit jeder Besucher es sieht. Achso, die armen Doktoranden sind bei mangelnder Bibliotheksverfügbarkeit ja auch auf die Originalartikel angewiesen und wer was will, bezahlt freiwillig… Die Lizenz zum Gelddrucken. Inhalt egal, Hauptsache die Kasse klingelt…
Da fällt mir gerade wieder diese Geschichte zu ein.
Arzneimittelbrief oder -telegramm empfehle ich auch immer allen Studis auf Station. Dafür sollte man Geld ausgeben (sonst wär die Information ja nicht unabhängig).
Statt Herold oder Kitteltaschenbüchern schau ich aber immer mehr bei „Uptodate.com“ rein. Auch teuer aber werbefrei. Das wird bei uns über die Uni finanziert, das heisst von Station oder via VPN ist es umsonst.
Somehow i missed the point. Probably lost in translation
Anyway … nice blog to visit.
cheers, Choosy!!!
Man liest seit langem nichts mehr von Dir ?. Wäre schade, wenn Du keine Lust mehr zum Bloggen hättest, ich hab hier immer gerne mitgelesen.
Es gibt noch eine Reihe von unabhängigen Quellen, z.B. zur evidenzbasierten Medizin im Inet, bei denen man sich einigermaßen unabhängig) fortbilden kann. Eine Übersicht gibt es z.B. bei medknowldege.de (kostenlose Registrierung erforderlich).
Gute Zeitschriften (für Allgemeinmediziner) sind z.B. die tägliche Praxis (völlig werbefrei) und die Zeitschrift für Allgemeinmedizin.
Ich hoffe, man liest hier recht bald mal wieder etwas von Dir!
LG
Günter Schütte
Das mit der Zeitschrift für Allgemeinmedizin ist doch nicht ernst gemeint, oder? Thieme nimmt bei der ZfA – wie fast alle Verlage – bei der Auswahl der Artikel Rücksicht auf die Pharmaindustrie:
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/artikel/474/88386/