In Zeiten, in denen Broschüren wie das „Ärztehasserbuch“ Konjunktur haben und Menschen mit Halsschmerzen während der Grippesaison tatsächlich auf dem Notfall vorstellig werden, fragt man sich, wofür unsere Medizin eigentlich taugt, wem sie nützt und was sie kann.
Neue Scholastik?
Nach fast sieben Jahren täglichen Doktorspielen beginnt man sich zu fragen, ob die moderne Medizin nicht masslos überschätzt wird, von beiden Seiten, von Doktor wie Patient. Für die historisch Interessierten: Manches erinnert an die Scholastik. Das Grundübel scheint der Anspruch zu sein, für alles eine Lösung haben zu wollen. Krankheit und Tod sind schliesslich Bestandteile des Lebens, daran kann auch der Doktor nichts ändern. Wenn ich aber wegen Bauchschmerzen zum Arzt gehe, erwarte ich, dass er jedes Lebensrisiko ausschliesst. Dass er mir garantiert, dass kein Schlumpf in meinen Därmen sitzt und an ihnen nagt, dass da kein Tumor ist, kein Darmverschluss, kein faulender Appendix. Das Problem ist nur, ohne kräftig Strahlung mittels entsprechender radiologischer Technik bei jedem quersitzenden Furz kann er das gar nicht – und selbst dann bleibt ein Restrisiko. Das beste was er kann, ist eine stufenweise Abschätzung der Wahrscheinlichkeit der differentialdiagnostischen Möglichkeiten, was dann zu weiterer Diagnostik führt oder eben nicht.
Das Lebensrisiko bleibt
Rein statistisch entstehen dabei Risiken und es werden Dinge übersehen. Nicht weil der Doktor schlampig ist, sondern weil das im Leben immer so ist. Niemand kann ausschliessen, dass ihm in Kurven der Gegenverkehr entgegen kommt, der Urlaubsflieger abstürzt oder ein Meteorit auf den Kopf fällt. Nur der Doktor, der soll garantieren, dass man keinen Tumor hat, wenn die schlechten Ernährungsgewohnheiten oder die Germanysnexttopmodelanorexie die Gedärme wimmern lassen.
Therapeutische Euphemismen
Letztlich sind wir mit schuld, dass das so ist. EBM hin oder her, die Lehrmeinung tut nach wie vor so, als müsste man nach jeder grösseren Studie wieder der neuen Sau, die durchs Dorf getrieben wird, hinterher rennen, um den Patienten eine gute Medizin zu bieten. Wie sehr wie uns dabei verzetteln zeigt sich immer dann, wenn Jahre später, meist auf Umwegen, Negativstudien zu wichtigen Themen veröffentlicht werden. Die Rolle der Pharmfirmen ist dabei ein eigenes Thema.
Europäischer Schamanismus
Vielleicht wäre es hilfreich, zu überlegen, was die Medizin, so wie wir sie kennen, nachweislich leisten kann: Notfall- und Akutsituationen können wir recht gut behandeln, überlegte Antibiotikatherapie funktioniert auch ganz gut, ebenso wie Analgesie bei akuten Schmerzen. Der Rest ist mit Verlaub die europäische Form des Schamanismus.
Damit will ich nicht sagen, dass wir auf den Schamanismus verzichten können, schliesslich ist jede Form der Symptomlinderung eine ethische Pflicht, egal wie sie zustande kommt. Aber wir sollten kritischer mit unserem (Nicht)Wissen in diesen Bereichen umgehen. Beispiele? Gern: Antibiotika bei saisonalen Bronchitiden, Sortis bei jeder Fettstoffwechselstörung, ACC bei Bronchitis, Antidepressiva bei leichten und mittelschweren Depressionen, sogenannte „atypische“ Neuroleptika bei Schizophrenie, Östrogene in der Menopause, Mammographiescreening, Colon-Ca-Screening, Antibiotikatherapie bei HWI bei Katheterträgern usw. usf.
Schön finde ich die Patienten, die zum Arzt gehen und z.B. nach einem missglückten Fallschirmsprung erwarten, dass das alles wie vorher funktioniert. So nach dem Motto: Dann bestellen sie eben ein Ersatzteil?! Oder der Opa, der nicht versteht, warum auch n-a-c-h der OP die Hüfte immer noch nicht funktioniert wie vor 60 Jahren?!
Was bitte, haben die nicht kapiert? Das ist ein K-Ö-R-P-E-R, der wird alt, er wird schwach. Manchmal entwickelt er ein beängstigendes Eigenleben (Krebs), aber im Großen und Ganzen ist er nur so gut, wie wir auf ihn aufpassen.